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Seidenbau in Westfalen

Rheinenser berichtet über seine Seidenzucht während der Schulzeit in Rheine
NS-Kriegswirtschaft bezog Schüler in die „Erzeugerschlacht“ im Kriege mit ein.




Eigentlich ist das eher kalte, regnerische Westfalen für den Seidenbau doch wohl die falsche Weltgegend, möchte man meinen. Dennoch, wie Zeitzeuge Theo Pompey (80) aus Rheine berichtet, hat er - und mit ihm viele Schüler in ganz Deutschland -  während des Krieges in der Schule Seidenzucht betrieben.
Hintergrund war der kriegswichtige Bedarf an Fallschirmseide. Im Zuge der Autarkiebemühungen des nationalsozialistischen Staates galt es alle wertvollen Rohstoffe – zumal wenn sie rüstungsrelevant waren – in Deutschland selbst zu erzeugen. Somit gerieten auch die Schulen ins Visier der Reichsregierung, die die Schulen per Runderlas im Juli 1936 verbindlich aufforderte, Seidenbau zu betreiben und die dafür notwendigen Maulbeerplantagen anzulegen. Kostenlos beziehbare Anleitungen zur Seidenzucht trugen mitunter so markige Titel, wie „Die Schule des Dritten Reiches als Mitkämpferin in der Erzeugungsschlacht.“ (Breslau 1935). Seidenbau als Teil der NS-Rüstungsmaschinerie?

In erster Linie wollte man die Schüler indoktrinieren, und über diese natürlich die Eltern erreichen, um auch diese für die kriegsentscheidende „Erzeugungschlacht“ zu mobilisieren. Und in der Tat wurden in einigen Regionen Mittel- und Süddeutschlands die Seidenzucht sowie die Anlage von Maulbeerpflanzungen aufgenommen.
Letztendlich produzierten aber auch die Schulen selbst in nicht unerheblichem Maße Seidenkokons – was die Reichsstelle auch immer wieder mit Nachdruck forderte. Im niedersächsischen Celle, Sitz der  "Mitteldeutschen Spinnhütte GmbH", wurden die eingehenden Kokons zentral gesammelt und hauptsächlich zu Fallschirmseide verarbeitet.

Nun aber zurück nach Rheine, wo Theo Pompey in den Kriegsjahren die benachbarte Thieschule besuchte und im Frühjahr 1941 vom Lehrer Konrad Grothaus erstmals beauftragt wurde, eine Seidenzucht anzulegen. Warum gerade er damit beauftragt wurde, lag zunächst an der Nähe seines Elternhauses, die Bäckerei Pompey, der Thieschule quasi gegenüber. Von hier aus konnte er bequem die Zucht versehen, andererseits aber auch die nahegelegene Maulbeerhecke als Nahrungsgrundlage für die Seidenraupen leicht erreichen.

Zur Anlage der Zucht diente ihm ein Sandkasten von 3 x 2 m als Grundlage, in den es nun einen mit Gaze abgedichteten Kasten mit einer Stellage für die Auflage der Zuchthürden einzurichten galt.
Die Brut in einer Schachtel mit „rund“ 30.000 Eier wurde vom Lehrer zentral von der „Reichzuchtanstalt“ in Celle angefordert. Die Zucht konnte beginnen, wenn die Maulbeerpflanzung ausreichend frisches Laub trug, frühestens der 20. Mai, spätestens Ende Juli. Dann konnte die Brut im Brutkasten ausgebracht werden. Nach und nach schlüpften die kleinen Raupen, die nun jeweils einzeln auf frische Maulbeerblätter gesetzt wurden. Die Raupen wuchsen zusehends – entsprechend war auch der Appetit.
Des kleinen Theos täglicher Weg war nun die Kleingartenanlage am alten Friedhof. Dort hatten die Stadtgärtner Teutmann und Blome 1936 eine Maulbeerhecke angelegt. Seidenraupen sind ausgesprochene Nahrungsspezialisten, die ausschließlich nur die Blätter des weißen Maulbeerbaums, und nur die jungen, frischen Triebe verspeisen.

„Das war viel Arbeit, die Viecher drei Mal am Tag mit frischen Maulbeerblättern zu versorgen.“- so Th. Pompey – morgens, mittags abends waren die Tiere zu füttern und der Kot dieser kleinen „Freßmaschinen“ zu beseitigen. Er hatte jederzeit Zugang und konnte bei der Hausmeisterfamilie Ostermann schellen, die dort im Obergeschoß der Thieschule mit großer Kinderschar wohnte und ihm dann den Klassenraum öffneten.

Innerhalb von Wochen wuchsen die Raupen heran und erlebten gemäß ihrem Wachstum mehrere Häutungen. Man musste peinlichst auf Reinlichkeit achten, damit nicht die ganze Brut infolge von Infektionen einging. Der aufsichtführende Lehrer Grothaus, ein ehem. Weltkrieg I.-Offizier, der stets Breeches und blankgeputzte Schaftstiefel trug, war sehr streng und sah auf Ordnung. Eventuell anfallender Schmutz beim täglichen „Ausmisten“, wurde sofort geahndet.

Nach etwa 35 Tagen – nunmehr in der beachtlichen Länge von 8 - 9 cm - verpuppten sich die Raupen, indem sie um sich einen dichten Kokon aus Seidenfäden spannen. Dafür war aus dürren Ästen eine Nistmöglichkeit zu schaffen. Wenn alle Raupen sich verpuppt hatten, mussten die Kokons abgelesen und eingesammelt werden. „Das war manchmal ein ganzer Schuhkarton voll.“, so Pompey. Diese wurden dann abgetötet, indem man sie in eine Spiritus-Flasche steckte, so jedenfalls nach den Erinnerungen Pompeys. Generell wurden diese jedoch als „Lebendfracht“ an die Zentrale in Celle geschickt, wo die Kokons dann zentral übergebrüht wurden. Auf ein rechtzeitiges Abtöten der Larven war zu achten, denn wenn die Larven erst einmal schlüpften, war das Gespinst verdorben.

Theo Pompey unternahm von 1941- 43 drei „Zuchtstaffeln“, dann endete zumindest für ihn „die Plackerei mit den Raupen“. Bei dem Luftminenabwurf vom 27. Oktober 1944 wurde die Thieschule und der angrenzende Häuserbereich großräumig zerstört – u.a. auch das Elternhaus mit der Bäckerei Pompey.
Anderswo wurden an Schulen jedoch die Seidenzucht weiterbetrieben – noch Ende Februar‘45 ersuchte das Reichsministerium für (…) Volksbildung, dass “in Anbetracht der Kriegswichtigkeit des Seidenbaues (…) die Nutzung und Pflege der im Besitz der Schule (…) unterstehenden Maulbeerpflanzungen in vollem Umfange sichergestellt werden (müsse).“

Ob nun auch an anderen Schulen in Rheine Seidenzucht betrieben wurde, wäre interessant zu wissen. „Die Mädkes an der Emslandschule wären da wohl eher fies vor den Raupen gewesen“, mutmaßte Theo Pompey. Wer weiß mehr? (Hinweise unter Tel. 05971/10018).


Andreas Oehlke


 

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