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Spinnerei in Leipzig: Von der Baumwolle zum Kunstzentrum. Foto-Ausstellung im Textilmuseum vom 18.09. bis zum 16. Oktober

Spinnerei in Leipzig
Von der Baumwolle zum Kunstzentrum
Foto-Ausstellung im Textilmuseum vom 18.09. bis zum 16. Oktober

PostkarteVorderseite Leipzig neu Kopie KopieDie Spinne, die selbst einen Spinnfaden erzeugt und ihr feines Netz webt, wird gern als Sinnbild für textiles Wirken generell verwendet. „Die Spinne", so wurde auch der Textilbetrieb von ihren Arbeitern genannt, der im indu¬striellen Westen, vor der Toren der Stadt Leipzig 1884 als „Leipziger Baumwollspinnerei" gegründet wurde und bald zum Arbeits- und Lebensmit¬telpunkt einer zeitweilig 2.500 Köpfe zählenden Arbeiterschaft wurde: Eine Stadt innerhalb der Stadt mit einer quasi autar¬ken Struktur, mit großen Produktionsgebäuden, eigenen Sozialeinrichtungen, Kin¬dergärten, Bade- und Konsumanstalten, Sportstätten und Schrebergärten, einem Blasorchester sowie einer mannstarken Betriebsfeuerwehr. Produziert wurden über¬wiegend Baumwollgarne und Zwirne. Das Unternehmen prosperierte, erfuhr diverse Erweiterungen und avancierte von anfänglich 399 Mitarbeitern und 30. 000 Spindeln auf 2.500 Mitarbeiter und 300.000 Spindeln im Jahre 1907 zu einem der größten Spinnbetriebe auf dem Kontinent. Das Textilunternehmen meisterte alle Krisen und überstand beide Weltkriege weitestgehend unbeschadet, unterlag aber dann – inzwi¬schen in der sowjetischen Besatzungszone liegend – einer weitgehenden Demon¬tage ihrer maschinellen Einrichtung. Erst mit der mitunter mühsamen Wiederbe¬schaffung der Textilmaschinen konnte ein Neubeginn – nunmehr als „VEB Leipziger Baumwollspinnerei" - gewagt werden, eingebunden als Hochleistungsbetrieb in das Kombinatsystem einer zentral gelenkten DDR-Textilwirtschaft, mit modernstem Ma¬schinenpark und dann zeitweilig bis zu 4.000 Mitarbeitern.

Nach der politischen Wende im Herbst '89 war damit erst mal Schluss. Die Leipziger Baumwollspinnerei erlebte gerade noch die ersten Nachwendejahre, danach wurde – wie generell im „Anschlussgebiet" - der Betrieb abgewickelt. Die wenigen verblie¬benen Textilarbeiter verloren ihre Arbeit.
Die Treuhand übernahm die Liegenschaft und vermarkte den Industriestandort an den Meistbietenden. Die Immobilie ging zunächst durch mehrere Hände, die Textil-maschinen, soweit noch brauchbar, wurden nach Osteuropa oder in die dritte Welt veräußert, der Rest wurde verschrottet und landete nach mehr als hundertzwanzig Jahren intensiver Produktion auf dem Müll der Geschichte.

P1140403 KopieEs war ein ausgesprochener Glücksfall, dass zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute die richtigen Ideen hatten und in den überkommenen Räumlichkeiten das rich¬tige Konzept zu einer überzeugenden Umnutzung hatten. Unmittelbar in den ersten Nachwendejahren hatten sich am Kunsthochschulstandort in der Nachfolge der Leip¬ziger Schule junge Künstler in den umfänglichen Räumlichkeiten angesiedelt.

P1140575 KopieBertram Schulz, der in der Nachwende aus Westfalen nach Leipzig kam, um Architektur zu studieren, erkannte die Einmaligkeit dieses geschlossenen Ensembles, bestehend aus vier großen Produktionsgebäuden, etlichen mehrgeschossigen Einzelgebäuden sowie einem kompletten Straßenzug mit allerdings stark sanierungsbedürftigen Arbeitermietshäusern.
Mit einem tragfähigen Restaurierungs- und Nutzungskonzept gelang es ihm, in Karsten Schmitz, Dr. Florian Busse und Tillmann Sauer-Morhard engagierte Investoren zu gewinnen, die sich mit dem notwendigen Herzblut und Enthusiasmus der ehrgeizigen Aufgabe annahmen, mit einer ausgewogenen Mischung aus Ateliers, Galerie- und Gewerbebetrieben einen besonders lebendigen und spannenden Ort zu schaffen, der Kunst, Kreativität und Geschäftstätigkeit sinnfällig miteinander verband.
Die 2001 gegründete Verwaltungsgesellschaft unterzog zunächst die Gebäude einer Grundsanierung, dichtete Dachflächen ab und setzte Fenster in Stand, um zunächst dem weiteren Verfall Einhalt zu gebieten. Es folgte eine sorgsame Entkernung von späteren Ein- und Anbauten, jeweils unter behutsamer Schonung von Arbeitsspuren, die als historische Folie heute viel zur Atmosphäre der als Galerieräume genutzten Hallen beitragen. Die alten Gebäudebezeichnungen und Begrifflichkeiten (Halle 14, Halle 9, Cafe Versorgung) wurden ebenfalls beibehalten und dienen heute dem Besucher als erste Orientierung im Spinnereikomplex. Alte Beschriftungen, Produktions- und Warnhinweise aus dem Betriebsalltag verleihen der Anlage besondere Authentizität und lassen zudem Industriegeschichte lebendig erscheinen.

P1140384 KopieMit dem traditionellen Rundgang am 1. Mai 2010 konnte im Beisein der Bundes-kanzlerin Merkel das 125jährige Jubiläum der „Leipziger Baumwollspinnerei" und das zehnjährige Bestehen der Künstlerkolonie begangen werden.
Das Konzept scheint aufgegangen zu sein: 80% der Auslastung wird durch den Kunstbetrieb erreicht, darunter allein 12 renommierte Galerien und eine in die Hunderte gehende Anzahl von Ateliers z.T. bekannter Künstler. Der Rest wird von alternativem Kunsthandwerk und anderen Gewerbebetrieben genutzt.
Die Presse wartete in ihrem Urteil mit Superlativen auf und sprach vom „hottest place on earth" (The Guardian) und gar vom „Weltzentrum der Kunst" (Die Zeit).

Sinn und Absicht dieser Ausstellung des Textilmuseums ist es, beispielhaft den erfolgreichen Weg der Umnutzung eines derart großräumigen Industriekomplexes vorzustellen. In dieser Bilddokumentation wurden die eigenen subjektiven und ganz individuellen Eindrücke unserer Arbeitsgruppe, die an zwei Arbeitswochenenden, 2014 und 2016, in Leipzig weil¬te, festgehalten.

DSCF9149Die Tatsache, dass mit Matthias Weischer, einer der bedeutenden Vertreter der Neuen Leipziger Schule, gebürtig aus Rheine - Elte, hier seine Wirkungsstätte gefunden hat, bietet uns den regionalen Bezug und eine Verortung unseres Anliegens. Für sein Entgegenkommen und sein Mitwirken schulden wir ihm und dem Team der Leipziger Baumwollspinnerei unseren herzlichen Dank.

 

 

 

 

Die Ausstellung „Spinnerei in Leipzig. Von der Baumwolle zum Kunstzentrum" ist vom 18. September 2016 bis zum 16. Oktober geöffnet, jeweils Mi u. Sa 15 -18 Uhr, So 11 -18 Uhr.

 

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