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Baumwolle, die auf Bäumen wächst

Familie Pelle macht das Textilmuseum mit einem wenig bekannten Faserstoff bekannt.

6 Mandevilles Bericht von der auf Bäumen wachsenden Baumwolle. Abb. aus dem 14. Jh. cottonTheo Pelle, ehemaliger Mitarbeiter bei der Textilfirma Kettelhack, erzählte bei seinem letzten Besuch im Textilmuseum eher beiläufig, auf Ceylon wachse die Baumwolle auf Bäumen. Er erntet damit zunächst ungläubiges Staunen. Einjährige und zweijährige Baumwolle war bekannt, auch hatte man schon mal von einer strauchartigen mehrjährigen Baumwollpflanze gehört, allesamt aber zur Familie der Malvengewächse gehörig, wie auch unsere hiesige Stockrose. „Wenn ich das nächste mal wieder runterfahre," – der Sohn betreibt auf Ceylon eine Ferienlodge – dann bringe ich Euch mal was mit.

4 Frau Pelle mit Reisebegleitung bei der Ernte der KapokkapselnVor ein paar Tagen war es nun soweit, Familie Pelle war zurück vom „Arbeitsurlaub" auf Ceylon (Srilanka). Die Eltern sind immer wieder gern gesehen als tatkräftige Mithelfer beim Aufbau des Feriendomizils. Quasi schon auf der Rückfahrt befindlich, trafen sie auf einen „Baumwollbaum", machten Fotos, sammelten ein Paar Fruchtkapsel auf und griffen ein paar Hände voll von den Faserflocken.

 

Nicht ohne Stolz, das Versprechen nun eingelöst zu haben, überreichte dann Familie Pelle die Faserprobe vom besagten „Baumwollbaum": mehrere längliche Kapseln, z.T. mit schon herausquellenden Fasern und die Fasern schließlich selbst; wunderbar flauschige, langstapelige und zugleich ultraleichte Fasern, die bereits der leiseste Luftzug zum Schweben brachte. Aber war das Baumwolle?

 

 

3 Kapokfruchstände mit der hervorquellenden PflanzenwolleRecherchiert man nun den Begriff des „Baumwollbaums", dann erfährt man, dass man schon im Mittelalter geglaubt hatte, dass die Baumwolle auf Bäumen wachse – so auch in bildlichen Darstellungen überliefert. Aus Südamerika ist ein sogenannter Baumwollbaum bekannt, der Ceibabaum, ein bis zu 75 Meter hoher Baumriese, der von den Mayas als besonders mystischer Baum verehrt wurde und ebensolche wolligen Früchte trägt. In Afrika, vorzugsweise auch in der ehemaligen deutschen Kolonie Tansania, und in Südostasien wurde dieser Baumwollbaum wegen seiner wolligen Früchte und ihrer Fasern angebaut, dann besser bekannt als Kapok (aus dem Malaysischen). die bis zu 15 cm langen, daumendicken Fruchtkapseln platzen bei entsprechender Reife auf, wo dann die flauschigen Pflanzenfasern regelrecht herausquellen. Im Innern schützen diese Samenfäden die winzigen Samen des Kapokbaums. Diese sind ölhaltig und werden beim Auskämmen der Fasern aufgefangen, gepresst und somit ein wertvolles Pflanzenöl gewonnen.

Vor mehr als hundert Jahren war Kapok ein begehrter, textilindustriell genutzter Ersatz- und Füllfaserstoff. Der aufgrund der relativ aufwändigen Faseraufbereitung nur als Mischgarn verspinnbare Faserstoff wurde zunächst zur Herstellung von einfachen Decken (Biederlack in Greven) gebraucht. Besonders aber wegen seiner besonderen Elastizität und Leichtigkeit – man nennt diese Fasern auch „Pflanzendaunen" – verwendete man Kapok jedoch in erster Linie als Füllstoff für Steppdecken und Polsterungen. Wegen seiner besonderen Auftriebskraft im Wasser entdeckte man Kapok in den 30er Jahren zudem als Füllstoff für Rettungswesten. Auch war das bakterienresistente Fasermaterial geeignet für antiseptische Wundverbände.

 

1a Kapokfrüchte mit FaserbüschelnAls Faserstoff nahezu vergessen erlebte der keimfreie Faserstoff in den letzten Jahren eine Renaissance als Füllmaterial für Kissen und Steppdecken für Allergiker.

Nun, wer hätte das gedacht, dass ein so vielseitig verwendbarer Faserstoff auf Bäumen wächst, – auch wenn er oberflächlich nur so aussieht wie Baumwolle. Das Textilmuseum dankt Familie Pelle für das überaus anschauliche und lehrreiche „Reisemitbringsel".
Andreas Oehlke

 

 

 

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