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Seidenraupenzucht an Rheiner Schulen

Reaktion der MV-Leser hierzu war eindeutig: Auch an anderen Rheiner Schulen wurde während des Krieges Seidenzucht betrieben.



Es war schließlich zu erwarten, dass nicht nur die Thieschule allein (wie wir berichteten) sich mit Seidenzucht beschäftigte. Aus ganz profunder Kenntnis heraus konnte auch Klaus Dyckhoff, unser allseits bekannter Natur- und Zoofreund, berichten.
Denn auch am Gymnasium Dionysianum ist natürlich damals Seidenraupenzucht betrieben worden. Unter der Aufsicht des Geistl. Herrn und Lehrers Schulte-Potthof wurde eine ganze Schülergruppe angehalten, Seidenraupenzucht zu betreiben. Diese behördlich angeordnete Seidenzucht war sicherlich noch die „kleinste Kröte“, die die Lehrerschaft während der NS-Zeit schlucken musste. Sie haben es wohl eher als eine Bereicherung des schulischen Naturkundeunterrichts betrachtet.
Da die Zucht mit Sorgfalt und sehr viel Mühe verbunden war, blieb mit nachlassendem Eifer der Klassenkameraden am Ende nur ein Schüler über: Klaus Dyckhoff, der ja schon in jungen Jahren sich mit eigenen zoologischen- und naturkundlichen Studien beschäftigte und etliche Terrarien und Aquarien in ausrangierten Akkumulatorengefäßen im häuslichen Keller unterhielt. Er war damit geradezu prädestiniert für eine solche Aufgabe. Im Dionysianum war ein ganzer Raum dafür vorgesehen. Zwei große Stellagen fanden darin Platz. Die Stellagen waren dafür eigens in den Werkstätten der Stadtwerke gebaut worden.

Die Brut wurde von der Schulleitung zentral aus Celle bestellt. In einem speziellen feuchtwarmen Klima schlüpften dann die nur wenige Millimeter großen Raupen. Auf hölzerne Rahmen, auf Drahtgittern, mit speziellem Lochpapier versehen, wurde die Brut ausgebracht. Die Rahmen mit Lochpapier mussten regelmäßig gewechselt, die Kotreste und abgefressenen Maulbeerblätter beseitigt und dann die Raupen mit frischen Blättern gefüttert werden. Reinigung war oberstes Gebot – wegen der Infektionsgefahr. Anleitung boten entsprechende Schriften, von den Klaus Dyckhoff noch heute eine in seinem Besitz bewahrt.

Seinen täglichen Bedarf an Maulbeerblättern holte er sich von der nahegelegenen Kleingartenanlage, inzwischen mannshohe Sträucher, die eigens zu dem Zweck von der Stadt 1935/36 angelegt worden waren.

Klaus Dyckhoff kann sich noch erinnern, daß insbesondere Damen dann Interesse zeigten an der schulischen Seidenproduktion. Als dann stolz die schulische Seidenzucht vorgestellt wurde, konnten die Damen, angesichts der fingerdicken, bis zu 8 - 9 cm langen Raupen, sich eines spontanen „iiih“ nicht enthalten, woraufhin Studienrat Schulte-Potthof sie der Unwissenheit schalt und auf die so begehrten Seidenstrümpfe verwies, für die die Raupen ja bekanntlich den Rohstoff lieferten.

In den Jahren 1942/43 hat Klaus Dyckhoff mindestens zwei Durchgänge versehen, dann wurde er ab Januar 1944 als Flakhelfer abberufen. Heimlich hatte sich dieser einige Kokons abgezweigt, was eigentlich streng verboten war, und hatte im heimischen Garten die Larven schlüpfen lassen. Diese ließen zunächst ein Sekret ab, was den Kokon erst verfärbte und dann die schlüpfenden Falter frei ließ – große mottenähnliche Falter, eher dick als grazil. Von diesen wiederum abgelegte Eier verwahrte er sorgfältig in Mutters Kühlschrank, um diese in der nächsten Saison mit nach Bentlage in die Flakhelferbaracken mitzunehmen, wo er still nebenher eine kleine Seidenzucht weiter betrieb. Da er nun kriegsbedingt nicht mehr regelmäßig nach Hause kam und damit sich mit Maulbeerblätter versorgen konnte, sollte es mit dieser Zucht aber nichts Rechtes mehr werden, so daß die Raupen allmählich verkümmerten. In den letzten Kriegsmonaten ist Klaus Dyckhoff dann als 16-jähriger noch quer zwischen den Fronten durch ganz Deutschland getrieben worden, aber das ist dann wiederum ein andere Geschichte.

Aus Dutum konnte uns Johannes Rocks berichten. Er ist 1937 in die Michaelschule (Dutum I) gekommen. Dort waren wegen Schulraumnot extra Baracken aufgestellt worden. Und auch dort wurde von den älteren Jahrgängen eine Seidenzucht betrieben. Hierzu war im Schulgarten eine kleine Maulbeerplantage – in Richtung Mathiashospital – angelegt worden.

Schließlich erreichte uns aus Altenrheine noch ein überaus interessanter Bericht. Bernhard Wiatzka (Jg. 1937) kam im Krieg im Frühjahr 1945 aus dem kriegszerstörten Bottrop nach Rheine, wo die Familie im Brook in Altenrheine im Backhaus eines Bauern unterkam – heute ist er noch in Altenrheine als „Backhues  Bäänd“ bekannt.

Er kam im Oktober‘45 in die Altenrheiner Schule in Altenrheine. Dort unterhielt der Lehrer Heinrich Serries in seiner Wohnung  im Obergeschoß in einem ungenutzten Nebenraum eine Seidenzucht. Da „usse Bäänd“ im Altenrheiner Brook wohnte und bei seinem täglichen Schulweg über die Altenrheiner Schleuse musste, wurde er und Schulfreund Franz Engelshofe vom Lehrer Serries beauftragt, frisches Maulbeergrün mitzubringen – er dürfe auch dafür morgens durchaus etwas später kommen. Denn unmittelbar an der Schleuse, auf Höhe der Gaststätte Rielmann, war dort eine Maulbeerpflanzung angelegt.

„Die Maulbeerbäume am Kanalhafen sind ja inzwischen richtige Bäume geworden“, so kann Eugenie Büchter, geb. Serries, berichten. Die Lehrerstochter, die erst neulich ihren 80. Geburtstag feiern konnte, nahm den Besuch der älteren Schwester aus dem Sauerland zum Anlaß, sich an die Seidenzucht ihres Vaters zu erinnern. Sie hätten als Kinder die väterliche Seidenzucht ebenfalls mit Blättern versorgen müssen. Beide konnten sich noch erinnern, daß Vater, wenn die Raupen groß waren und sich so unruhig verhielten, Leisten und Latten in die Stellagen (Zuchtraufen) stellte und sich dann die Raupen daraufhin verspannen. Der Vater hat noch bis Ende 1947 die Raupenzucht betrieben, dann wurde er pensioniert und zog mit seiner Familie nach Rheine.

Am Altenrheiner Beispiel wird noch einmal deutlich, dass nach dem Kriege in beiden deutschen Teilstaaten noch weit bis in die 1950er Jahre Seidenbau betrieben wurde - die Infrastruktur war ja noch gegeben und „Es gab ja nichts! Und auch das sei im „Preußenjahr“ noch erwähnt, dass die Kunst des Seidenanbaus die Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts mit nach Preußen gebracht hatten und unter Friedrich dem Großen eine erste Blüte erlebte, überwiegend in Brandenburg, Pommern und Sachsen-Anhalt. Nach dem Tode von Friedrich II. (1786) sank dieser allerdings wieder zurück, um im 19. Jahrhundert wiederum eine kleine Renaissance zu erleben, dargelegt u.a. von einem berühmten Naturwissenschaftler und Japanforscher, Johannes Justus Rein (1835-1918): „Der gegenwärtige Stand des Seidenbaues“ (1868) – ein Urgroßvater von Frau Gabriele Dyckhoff. Damit schließt sich der Kreis wieder. [Schluss]

Andreas Oehlke

Solche Stellagen für die Seidenzucht wurden damals in den Werkstätten der Stadtwerke für Rheiner Schulen gebaut.

Klaus Dyckhoff besitzt noch heute seine „Schüler“-Anleitung zum Seidenbau

Im Jahre 2008 widmete das Schulmuseum in Bergisch Gladbach dem Thema „Seidenbau in der Schule“ eine eigene Ausstellung.

„Der gegenwärtige Stand des Seidenbaues“ (1868) von dem berühmten Japanforscher J.J. Rein (1835-1918– ein Urgroßvater von Gabriele Dyckhoff.

 

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